Unser zweite Club-Treffen fand am 24.1. in Zürich statt. Dabei waren Andreas, Christoph, Felix, Alex und ich. Das Essen war wieder exzellent.
Wir hatten diesmal 3 neue Teilnehmer. Drei TeilnehmerInnen vom letzen mal, ging der vorgeschlagene Termin nicht und Christian war immer noch in Brasilien.
Ich wünschte mir, dass wir an den Schnittstellen weiterarbeiten. Es zeigte sich aber, dass zwei Problemfelder im Vordergrund standen und der weiteren Diskussion bedurften.
- Wie sieht die Vision in seiner entgültigen Entfaltung aus?
- Wie sehen die kleinen ersten Schritte aus, die diese Entfaltung ermöglichen? Wo starten?
Diese grundsätzlichen Fragen wurden aufgeworfen, weil wir teilweise neue Leute waren und daher einige der bisher gemachten Schritte von der Gruppe nochmals nachvollzogen werden mussten. Der Spagat zwischen einer grossen Vision und – im Moment - sehr kleinen Ressourcen ist auch tatsächlich eine der aktuellen Problemstellungen unseres Projektes.
Die Frage kann auch anders gestellt werden: Wie muss der „Gencode“ des Projektes beschaffen sein? Es lohnt sich, intensiv darüber nachzudenken, bevor wir mit der Realisierung starten. Wir sehen im Moment viele gute Ideen von vielen verschiedenen Gruppierungen entstehen. Meist fliest schon bald viel Arbeit und Herzblut in solche Projekte. Ab einem gewissen Punkt kommen manche davon nicht mehr vom Fleck. Ein Grund dafür ist oft ein fehlerhafter „Gencode“, ein Systemfehler, der in der Pionierphase mit Enthusiasmus und Improvisationsgabe überspielt werden kann, später dann aber zum Stillstand des Projektes führt. Die „Verfassung“ die wir anstreben, sollte von Anfang an funktionieren und gleichzeitig einen mögliche stürmische Entwicklung verkraften können und auch im voll entfalteten Projekt funktionieren.
Drei Punkte haben wir dazu herausgearbeitet. Sie können in einem zeitlichen Ablauf gesehen werden.
Erstens: Ein Kernpunkt des Projektes ist für uns die Governance. Das Projekt darf nicht proprietär sein, oder anders ausgedrückt: Es soll allen wesentlichen Nutzergruppen gehören und über ein System von Regeln von diesen auch kontrolliert und verändert werden können. Ein grosses Problem bei allen Social Networks und Organisationen wie Amazon oder Ebay ist eben gerade, dass sich zwar alle beteiligen dürfen (Konten eröffnen, Beiträge oder Produkte einstellen usw.) Die Platformen selber aber einzelnen Menschen oder Gruppierungen gehören, deren Entscheidungen und Interessen für die grosse Gruppe der NutzerInnen nicht transparent sind und nicht beeinflusst werden können. Kommerzielle, manchmal jedoch auch Nonprofit-Projekte scheitern an diesem Punkt, wenn die Macht- und Einflussstrukturen nicht schon von Beginn an richtig aufgebaut und ausbalanciert sind.
Zweitens: Die Organisation soll Einnamen erwirtschaftet. Es braucht also ein Modul das Umsätze generiert. Da unsere Plattform ProduzentInnen einbinden will, sollte sie selber nicht als Produzentin auftreten. Sie kann aber am Umsatz der gehandelten Produkte beteiligt sein und Dienstleistungen anbieten, die entweder für ProduzentInnen, für KonsumentInnen, für EntwicklerInnen und für HändlerInnen und im besten Fall für alle diese Gruppen oder für die Kommunikation unter ihnen sinnvoll sind.
Drittens: Die Einnahmen aus den Umsätzen sollen eingesetzt werden, um denen, die Dienstleistungen erbringen faire Löhne zu bezahlen. (Das die angeschlossenen Produzenten Produkte mit einem sozialen Mehrwert anbieten und die KonsumentInnen bereit sind diesen Mehrwert auch zu bezahlen, versteht sich von selbst)
Die angestrebte Organisation ist also eine Platzform, die fairen Handel ermöglicht und möglichst viele ProduzentInnen, HändlerInnen, ProdukteentwicklerInnen und KonsumentInnen in ein faires und durchschaubares System einbindet. Anderseits aber auch ein Unternehmen, das Dienstleistungen erbringt, Umsatz generiert und ab einer gewissen Grösse mit seiner Finanzkraft auf wirtschaftliche Prozesse Einfluss nehmen kann. Dabei gehört es allen Nutzerinnen und wird über eine schlanke Verwaltung aber auch über ein cleveres Kommunikations- und Mitbestimmungssystem von der Basis aus kontrolliert.
Das tönt jetzt erst mal ziemlich abstrakt. Aber wenn wir von Strukturen und Funktionen reden, kommen wir nicht darum herum, uns auf eine gewisse Abstraktionsebene zu begeben.
Wir waren uns einig, dass die Vision in ihrer entfalteten Form möglichst konkret ausformuliert werden sollte; in einer Sprache, die bildhaft und allgemein verständlich ist. Eine Arbeit, die ich in den nächsten Wochen in Angriff nehmen werde. Einige Anregungen zu einem Gesamtbild sind schon in der aktuellen Internetpräsentation und diesem Blog enthalten.
Die Frage nach dem Startpunkt blieb in der Runde erst mal unbeantwortet. Aufbau einer Handelsplattform a la Ebay? Das macht im Moment unter anderen schon Faircustomer.ch. Mit einem einzelnen Produkt beginnen, das exemplarisch in einem Produzenten-Konsumente-Netzwerk entwickelt und vertrieben werden kann? Das macht unter andern schon Massschuh.de. Erst mal einfach den Community-Teil aufbauen? Internetgemeinschaften in denen sich Menschen „nur“ virtuell treffen und austauschen, gibt es wohl schon mehr als genug. Neu und interessant zum Beispiel Weltretter.org, weil sich diese Plattform über Aktivitäten und nicht einfach über Socializing definiert.
Mitte Februar in einem Gespräch mit Christian ging’s dann mit dieser Frage einen Schritt weiter: Warum nicht tatsächlich mit einem Community-Modul beginnen? Erstens gibt es – nach unserem Wissensstand – keine einzige Community-Platform, in der die Nutzer auch die Besitzer sind. Diese aufzubauen würde uns die Möglichkeit geben, erst mal in einem relativ kleinen Rahmen wertvolle Erfahrung in der Governance eines von Nutzern verwalteten Systems zu sammeln. Zweitens wären in so einer Plattform erste Dienstleistungen möglich, für die wir bereit wären, monatlich einen angemessenen Betrag zu bezahlen. Christian und ich haben dazu gleich mal ad hoc eine Anzahl realisierbarer Funktionen zusammengetragen, die wir uns von einer solchen Plattform wünschen wurden und die uns bei allen bestehenden Anbietern fehlen. Zum Beispiel die Möglichkeit alle eigenen Kontakte und nicht nur diejenigen, die auch auf der Plattform angemeldet sind zu verwalten oder auch eine abslolut spamfreie EMail-Lösung. Das Geld das über eine solche Dienstleistung in die Kasse gelangen würde, könnte in die Weiterentwicklung der gemeinsamen Vision fliessen.
Wen die Governance im kleineren Rahmen gut funktioniert, können wir weitere Module entwickeln, oder bestehende Initiativen, die den gleichen ideellen Zielen verpflichtet sind, einbinden.
4 Kommentare:
Hallo Thomas,
ich bin derzeit mit der p2p-Foundation mit ähnlichen Gedanken unterwegs. Wir überlegen eine Plattform aufzubauen, in deren Zentrum jeweils frei verfügbares und dokumentiertes Wissen (in Form von Software, Bauplänen, Designs etc.) steht, also die volle Transparenz des Produkts bildet das Zentrum. Um dieses herum - und zwar in allen Sphären der menschlichen Aktivität von Gesundheit bis Automobilbau - treten Menschen als Entwickler, Supporter, Benutzer, Dienstleister, Systemintegratoren und so fort auf - und setzen sich einer Qualitätsbewertung durch die Community wie bei eBay aus. Wie wärs wenn wir uns überlegten an einem solchen System gemeinsam zu arbeiten?? Oder ist Euch das zu eng??
@franz
Lieber Franz
Danke erst mal für das Kooperationsangebot!
Ich möchte deine Anfrage benutzen um in diesem Einzelfall (Mögliche Kooperation p2p-Foundation / unser Projekt) gleich mal den grundsätzlichen Ablauf von Kooperationsprozessen zu überdenken.
Ich teil dir hier mal meine Gedanken mit und freue mich auf dein Feedback. Ich bin sicher, dass du als Soziologe mit dem Interesseschwerpunkt „kooperative Systeme“ viel dazu sagen kannst.
Für mich ist die Frage nach Kooperation begleitet von der Frage nach der gemeinsamen Vision und der konkreten Ansätze oder der Grundidee, mit der diese Vision in eine Umsetzung gebracht werden soll.
Die erste Frage ist also: haben die p2p-Foundation und unser Projekt die gleiche Grundvision. Oft würde diese Frage einer vorsichtigen Analyse bedürfen. In diesem Fall bin ich jedoch ziemlich sicher, dass wir die Grundvision teilen und werde das nicht weiter zu begründen versuchen. Die zahlreichen Gespräche mit dir geben mir dazu ein klares Gefühl.
Die zweite Frage ist die, nach der konkreten Umsetzung. Hier gibt es ja oft wiederstreitende Konzepte und die Frage ob diese Miteinander, Nebeneinander oder sogar Gegeneinander arbeiten, ist immer wieder neu zu klären. Wie unterschiedliche Initiativen in ihren jeweiligen Schwerpunkten und Qualitäten arbeiten können und über Schnittstellen mit anderen Initiativen sinnvoll verknüpft sind, finde ich eine ganz wichtige Frage unserer Zeit. Ich habe das Gefühl, dass sich hier langsam ein Bewusstsein herausbildet, dass Netzwerkbeziehungen erlaubt. Das alte hierarchische Denken, in das wir immer wieder fallen, stösst dabei an eine klare Grenze. In Netzwerken sind Beziehungen relational, das heisst die der p2p-Foundation wäre Teil unseres Netzwerkes und umgekehrt unser Projekt Teil des p2p-Foundation- Netzwerkes. Beide bekommen Idealerweise durch die Kooperation mehr Energie und ein klareres eigenes Profil.
Um diese zweite Frage zu beantworten müssen wir erst mal die Unterschiede unserer beiden Ansätze anschauen. Dann können wir entscheiden,
- ob wir in einem gemeinsamen Projekt aufgehen können, ohne das jedes einzelne eine wesentliche Qualität aufgeben müsste,
- ob wir um die jeweils eigenen Qualitäten zu würdigen, eigenständig bleiben sollten und uns punktuell gegenseitig unterstützen oder Schnittstellen schaffen, die gewissen Arbeitsprozessen den Übergang vom einen System ins andere erlaubt.
- ob wir uns in gewissen Feldern in einer Art konkurrenzieren, die eine Zusammenarbeit verunmöglicht, weil das gegenseitige Mistrauen zu gross wäre.
Der Unterschied zwischen unseren beiden Projekten sehe ich in folgenden Bereichen.
1) In der Definition der Wirkungsfelder
2) In der Radikalität des Open-Source-Ansatzes
Wir möchten HändlerInnen, KonsumentInnen, ProduktenentwicklerInnen und ProduzentInnen zusammenbringen. Wir gehen davon aus, dass wir dazu eine Organisation brauchen, die Umsatz generiert und darum wirtschaftlich aktiv ist. Wenn ich die Ansätze der p2p-Foundation richtig verstehe, seit ihr vor allem in der Entwicklung von Produkte- und Dienstleistungsdesigns tätig. Da das auch ein Teil unseres Gesamtkonzeptes ist, sehe ich hier sehr wohl sinnvolle Schnittstellen. Ich kann mir gut vorstellen, dass die der p2p-Foundation für uns teilweise ein Modul in unserem Projekt sein kann.
Die der p2p-Foundation hat – wenn ich das richtig verstehe – jedoch einen radikaleren Anspruch auf Open Source. Wir möchten ein wirtschaftliches System werden und die Menschen, die ihre Arbeitszeit in die Entwicklung von Produkten stecken, fair entlöhnen. Crowdsourcing als die Mitarbeit einer Vielzahl von Menschen, praktisch ohne materielle Entschädigung wäre in unserem System eher die Ausnahme als die Regel, würde auf jeden Fall nur in klar definierten Teilfragen eingesetzt. Daher würden wir die entwickelten Produkte auch nur innerhalb der eigenen Plattform freigeben. (sozusagen eingeschränktes Opensource). Gleichzeitig würden wir allen ProduzentInnen, die bereit sind gewisse soziale und oekologische Auflagen zu erfüllen, den Zugang zu den Patenten und Lösungen ermöglichen, indem wir sie in die Plattform einbinden. Das soll jedoch auch Umsätze generieren, die dann wieder für die Finanzierung von weiteren Entwicklungen verwendet werden kann.
Wenn uns diese Unterschiede bewusst bleiben und wir den jeweils anderen Ansatz würdigen können (was von meiner Seite absolut der Fall ist) können wir sicher sinnvolle Schnittstellen finden.
Lass uns doch erst einmal im lockeren Austausch bleiben und während der Konkretisierung beider Projekte die Chancen, die in einer Kooperation liegen laufend auf allen Ebenen wahrnehmen. Ich freu mich auf den Austausch!
Hallo Thomas,
gerade bin ich auf die folgende Seite aus Brasilien gestossen: http://www.lets-evo.net/info/
Ist da nicht schon so einiges von dem drin, worüber Ihr nachdenkt?
@amei
Danke für den Hinweis. Ich beobachte - so gut ich kann - die Entwicklung von kooperativen Wirtschaftsformen. Brasilien (und auch viele andere Länder Lateinamerikas) übernehmen da eine Vorreiterrolle.
http://www.lets-evo.net/ macht sich Gedanken zu einer "Baustelle" in unserem Projekt. Wir werden, sobald bei uns erste Resultate sichtbar sind, mit ihnen in einen Dialog treten.
Kommentar veröffentlichen